Die
Braut für ein Lackschild
von Heinrich Rudolf
(Seite 1/2)
Am Ende eines hohen Schwarzwaldtales, nahe der Wasserscheide
von Rhein und Donau, standen früher einmal zwei Häuser,
ein stolzer großer Bauernhof und ein bescheidenes Gewerbshäusle,
in dem ein Uhrengestellmacher werkelte. Theresa, die Tochter des
Bauern, und Laurenz, der Sohn des Gestellmachers, waren von früher
Jugend an unzertrennlich. Das sahen anfangs die Bauersleute ganz
gern, denn
so brauchte niemand auf die umtriebige kleine Theres aufpassen.
Doch als die beiden auch später immer noch beisammen hockten,
ließ sich ein Machtwort des Bauern nicht länger vermeiden.
"Diesen Hungerleider heiratest Du nie", sagte er schlecht
gelaunt, und dabei blieb es. Doch alle Bewerber, die später
um ihre Hand anhielten, hat Theresa abgewiesen. Der Bauer meinte
dazu, dann solle sie eben ledig bleiben, das erspare dem Hof eine
fremde Großmagd.
Nur zwei Dinge konnten dem Hintertalbauern imponieren, viel Geld
oder eine Neuerung, deren Bedeutung er einsehen konnte. Alle auf
dem Hof waren überrascht, wie höflich und zuvorkommend
er Pater Thaddäus vom Kloster Sankt Peter behandelte, nicht
weil das ein geistlicher Herr war, sondern weil dieser ihm ein
Messingröhrchen mitgebracht hatte, das bei der Entwässerung
sumpfiger Wiesen
helfen konnte.
Immer wieder dachte Laurenz über seine Lage nach, doch einen
Ausweg sah er nicht. Zwar konnte man beim Uhrenhandel mit Glück
und Geschick in zehn Jahren viel Geld verdienen, aber er besaß
nicht einmal die Summe, die auswärtige Uhrenhändler
bei einem neuen Knecht als Einstand verlangten. Und etwas Neues,
was konnte einem im Hintertal da schon einfallen!
An einem Sonntag im Herbst hatte Laurenz ganz früh schon
eine Trage mit fertigen Holzgestellen in den nahen Marktflecken
gebracht. Nach dem Gottesdienst gönnte er sich, wie einmal
in jedem Monat, im "Adler“ ein Viertele. Am Nachbartisch
ging es laut her, zwei Uhrenhändler, der eine aus England,
der andere aus Frankreich, beklagten sich, wie hart der Konkurrenzkampf
sei und wie anstrengend das Leben in der Fremde. "Die Engländer
verkaufen jetzt eigene Uhren mit weiß bemalten Blechschildern,
die haben sogar bunte Blümchen in den Ecken, das gefällt
dort vielen Bauers- und Bürgersleuten", rief der eine.
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